Berichte  
„Gekreuzigt von Männern mit Kreuzen“

Quelle: Der Patriot, 11.05.2019

Um die Themen Europa und Pflege ging es beim Poetry-Slam des Caritasverbandes in der Elisabethkirche

Von Helga Wissing

Lippstadt – Es sind zwei Themen, über die in der letzten Zeit viel diskutiert wird. Wie gemacht dafür, sich damit auch einmal literarisch auseinanderzusetzen. Europa und die Pflege waren am Donnerstag Gegenstand eines Poetry-Slams, der vom Caritasverband für den Kreis Soest gemeinsam mit dem Lektora-Verlag Paderborn initiiert wurde.

Die sieben Amateure und vier Profis traten am Donnerstag in zwei Kategorien in der Lippstädter Elisabethkirche gegeneinander an. Die sieben jugendlichen Teilnehmer, allesamt Schüler des Ostendorf-Gymnasiums, hatten sich bereits vor einigen Wochen (wir berichteten) im Rahmen eines Workshops mit Karsten Strack, Verleger und selbst erfahrener Slammer, auf ihren Auftritt vorbereitet.

Der führt auch bei der Veranstaltung durch das Programm und übt mit dem Publikum erst einmal die verschiedenen Applaus-Abstufungen, mit denen die jeweils fünf spontan ausgewählten Jurymitglieder auch noch beeinflusst werden können. Ein bis zehn Punkte dürfen vergeben werden. Die niedrigste und die höchste Punktzahl werden jeweils gestrichen.

Mit einem politischen Thema hat der 18-jährige Jan Stemmler den ersten Auftritt, er spricht frei, ganz ohne Skript, und heimst gleich 25 Punkte ein. „Der europäische Traum“ heißt sein Beitrag über einen Mann mit unzähligen Narben, „gekreuzigt von Männern mit Kreuzen“.

Jan Stemmler und Dogan Atas (vorne, v.l.) teilen sich den ersten Platz mit jeweils 25 Punkten.         Foto: Wissing

Ebenfalls mit 25 Punkten bedacht wird Dogan Atas. „Ich bin Ausländer“ beginnt der 17-Jährige seinen lässig vorgetragenen Text, den er vom Handy abliest. „Brauner als jeder andere, schwarze Haare, braune Adleraugen, eine allgemein … ich sag mal … ausgeprägtere Behaarung als sonst jeder andere“, zeichnet er das typische Bild der Vorurteile: „Ausländer, Flüchtlinge, Migranten, Kanaken, oder für extreme Leute auch Ziegenficker genannt, aber, für viele zwar nicht, manchmal objektiv betrachtet auch Menschen genannt.“

Jan und Dogan teilen sich am Ende den ersten Platz. Weniger als 20 Punkte hat an diesem Abend niemand der sieben Teilnehmer.

„Keiner gehört jemandem, niemand hat das Recht die Würde eines andern zu verletzten, geschweige denn, sie zu zerstören“, appelliert die 15-jährige Alexandra Grygorenko an die Menschlichkeit. „Hass schadet der Seele“ hat Sarah Doud (16) ihren Beitrag genannt, in dem sie das ernste Thema der Diskriminierung mit Humor und Sarkasmus unter die Lupe nimmt. „Rhabarber-Gelaber“ hat Annika Lomberg (16) ihren Text überschrieben, in dem sie sehr gelungen die „Aber-Menschen“ beschreibt, deren Sätze meist mit „Ich bin ja kein …“ beginnen.

Die 15-jährige Lena mit den roten Haaren erzählt „von Hexen und Schubladen“. Selbst gern mal als Hexe bezeichnet, sinniert sie darüber, „ob’s an den Haaren oder der Persönlichkeit liegt“. Jana (18), die ihren Nachnamen „aus politischen Gründen“ nicht nennen möchte, lässt sich gekonnt über „Wutbürger“ aus und berichtet von einem Einhorn, das Alexander Gauland verprügelt.

Nach der Pause treten die vier Profis gegeneinander an, die sich mit dem Thema Pflege beschäftigt haben. Alle ließen sich dadurch inspirieren, dass sie einen Tag lang in verschiedenen sozialen Bereichen, vom Kindergarten bis zum Seniorenpflegeheim tätig waren.

Eftenia Kosow (20) aus Paderborn begeistert mit einer berührenden Hommage an eine alte Mutter. Yannick Steinkenner (26) aus Paderborn beschreibt einen Tag in einem integrativen Kindergarten, sehr rhythmisch, sehr poetisch, in dem er die verschiedenen musikalischen Tempi eines Konzerts als Stilmittel benutzt.

Sara Lau aus Paderborn liest aus ihrem Buch „Umständliche Zärtlichkeiten“. Sie beschreibt in ihrem Beitrag „Caro-Kaffee“, den typischen Alltag im Seniorenheim, mit Humor und feiner Beobachtungsgabe, die die Tragik hinter der Komik erahnen lässt.

Florian Stein (29) aus Bochum überzeugt das Publikum mit seinem Text „Zeitlos schön“. Er zeichnet das Bild einer alten Frau, in deren Wohnzimmer sich „ein Leben türmt“, die „zwischen den Zeiten hängt“, zwischen „gestern und morgen“. Der Poet philosophiert: „Die Welt wird erst größer, dann wird sie wieder kleiner, was bleibt sind die Bilder, und selbst die geraten durcheinander.“

Das Publikum honoriert diesen Beitrag mit 29 Punkten und macht Florian Stein zum Sieger.

Die Beiträge der Slamerinnen und Slamer der Europaschule stehen hier noch einmal zum Nachlesen bereit:

  "Der europäische Traum" von Jan Stemmler

  Text von Annika Lomberg

  "Hass schadet der Seele" von Sarah Daoud

  Text von Doga Atas

  Text von Jana Germakowsky